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Folgender Artikel ist auch im REISSWOLF erschienen und gibt mal so gesammelt, die Eindrücke über die Schweiz, die Eidgenossen und die ETH wieder... Ist ein langer Artikel, ich weiß, aber sicher nicht uninteressant.
PolyTUM?!
Ein Semester bei den Eidgenossen
Vor knapp einem Jahr habe ich mich dazu entschlossen habe, meine zweite Semesterarbeit an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich zu schreiben und dann gleich noch ein Auslandssemester in der Schweiz zu absolvieren. Für den Begriff Auslandssemester wurde ich von einigen meiner Kommilitonen belächelt. Man glaubt die Schweiz zu kennen. Viele waren schon da, haben Käsefondue probiert und halten Schwyzerdütsch für einen Dialekt, den sie bloß nicht verstehen. Aber es ist vieles anders, als man denkt...

Die Schweiz ist Ausland!
Die Eidgenossen kann man wahrlich nicht als das 17. Bundesland von Deutschland sehen, genauso wenig wie Deutschland ein Schweizer Kanton ist. Hochdeutsch kostet den Schweizer deshalb Mühe, weil es für ihn fast eine Fremdsprache ist. Schwyzerdütsch und Deutsch haben einzig die gleiche Grammatik, ansonsten aber so viel gemeinsam wie Bayrisch mit Plattdeutsch. Es hilft nichts, man muss es einfach lernen und nach einiger Zeit versteht man schon ziemlich viel. Mit dem Sprechen sieht das allerdings anders aus. Schweizer empfinden es auch nicht als schmeichelhaft, wenn man versucht Schwyzerdütsch zu reden oder gar den Kardinalsfehler macht, überall ein „-li“ anzuhängen. Da auch der Schweizer kein Bayrisch versteht (genauso wenig eben wie man selbst von Anfang an Schwyzerdütsch versteht), bleibt man am besten bei einem bayrisch eingefärbtem Hochdeutsch und streut höchstens ein paar Schweizer Ausdrücke ein: Grüezi (Grüß Gott), Ade / Auf Wiedaluaga / Schöns Tägli (alles zur Verabschiedung), Merci (sprich: Määrsi!, Danke) oder Stutz (Franken). Wer es trotzdem ernsthaft lernen möchte, empfehle ich einen Kurs in der Migros Klubschule, die mit der deutschen VHS vergleichbar ist. Ein Kurs dauert etwa ein halbes Jahr und kostet allerdings 700 Franken (450 Euro).
Der Schweizer
Der Schweizer an sich hat auch seine Eigenheiten. Solltet ihr auch mal planen, in die Schweiz zu gehen, kann ich euch nur das Buch „Gebrauchsanweisung für die Schweiz“ empfehlen. Das bewahrt vor einigen Fettnäpfchen. Als erstes muss man sich vor Augen halten, dass Deutsche nicht das allerbeste Ansehen unter Schweizern genießen. Grundsätzlich ist der Deutsche erstmal arrogant, unhöflich, redet viel zu schnell und glaubt, er sei der Allerbeste. Eine Schweizerin aus meinem Wohnheim hat es mal so formuliert: „So wie der Schröder die Merkel in diesem Interview nach der Wahl runter gemacht hat, genau das entspricht dem Klischee des typischen Deutschen.“ Wenn man sich als Bayer ausgibt, steigt das Ansehen schon deutlich und wenn man ihnen dann noch die Bedeutung der Wörter „Preiß“ und „Saupreiß“ beigebracht hat, ist man schon fast akzeptiert. Das allerdings bedeutet noch nicht viel, denn die Schweizer sind ein sehr zurückhaltendes Volk. Man schafft es hier ohne Probleme ein Wochenende zu verbringen ohne mit irgendjemand ernsthaft zu reden. Wenn man von einem Schweizer gefragt wird, ob man Abends mal ein Bier trinken geht, sollte man unbedingt annehmen – auch wenn man heute Abend eigentlich keine Lust hat und lieber nur vorm Fernseher liegen würde. So eine Einladung hat Anfangs Seltenheitswert und kommt dann so schnell nicht wieder. Schweizer sind zurückhaltender, etwas distanzierter – aber immer ausgesprochen freundlich, hilfsbereit und höflich. Gut, dass es auch in Zürich eine Menge Erasmus-Studenten gibt, die sich jeden Dienstag zum Stammtisch treffen und auch alle zwei Wochen eine Art Wohnheimsparty feiern. Da findet man schneller Anschluss, schließlich machen auch alle Schweden, Finnen, Amerikaner etc. dieselbe Erfahrung mit den Schweizern.
Schweizer Lebensqualität
Hat man erstmal Anschluss gefunden, lässt sich das Leben hier schon ziemlich gut aushalten. Für das Prädikat „hervorragend“ fehlt leider noch, dass es hier Augustiner gibt, aber das lässt sich importieren. Nach langem Durchprobieren hab ich auch heimische Biermarken gefunden, die ganz annehmbar sind. Leider waren bei diesem Selbstversuch auch einige dabei, die man sich besser sparen hätte sollen. Wenn ihr nicht gerade bei einem Schweizer zu Hause eingeladen seit (die höchste Ehre übrigens) und er euch ein „Feldschlösschen“ anbietet, macht einen großen Bogen um dieses Bier.
In den Lebensmittel-Supermärkten fühlt man sich ein bisschen wie im Schlaraffenland. Discounter hätten es in der Schweiz schwer, weil die Leute hier wirklich auf Qualität und Service achten und dafür auch gerne a bizzili mehr zahlen. Und die heiße Schoggi ist etwas, dass ich schrecklich vermissen werde. Gerade beim Skifahren auf der Hütte mit Blick auf das Alpenpanorma ist dieses Nationalgetränk schon extrem geil. Von Zürich aus kann man übrigens ziemlich einfach mit der Bahn in die umliegenden Skigebiete reisen und das ist sogar noch vergleichsweise günstig.
In Euro-Zeiten muss man sich ja erstmal wieder an fremdes Geld gewöhnen. Das Umrechnen lässt man allerdings schnell bleiben, sonst holt man sich einen Schock nach dem nächsten. Für mein 10-Quadratmeter-Zimmer im Wohnheim zahle ich umgerechnet 375 Euro, für ein 0,4l-Bier in einer normalen Kneipe etwa 4,50 Euro, in der Studentenkneipe sind’s immer noch 3,60 Euro und für einen BigMäc ca. 4 Euro. Auch das Mensa-Essen fängt erst bei 3,80 Euro an. Klingt horrend, allerdings verdient man hier in der Schweiz auch mehr, als Hiwi kann man bis zu 22 Euro pro Stunde verdienen.
Zürich
Die Stadt an der Limmat ist mit ihren knapp 370 000 Einwohnern die größte Stadt der Schweiz. Obwohl das für deutsche Verhältnisse nach keiner Metropole klingt, bietet Zürich die Vorteile einer Großstadt gepaart mit denen einer mittelgroßen Stadt auf dem Land. So gibt es in der schönen Innenstadt genügend Bars, Kneipen und Geschäfte, ein multikulturelles Leben pulsiert in den Straßen und trotzdem ist man ganz schnell in der freien Natur. Eigentlich kann man auch ziemlich viel zu Fuß erledigen, was ganz praktisch ist, wenn nach dem Weggehen mal keine Tram mehr fährt.
Solltet Ihr allerdings glauben, dass im Winter mindestens ein Meter Schnee liegt und den ganzen Tag die Sonne scheint, so muss ich euch diese Illusion leider nehmen. Schnee liegt hier so gut wie nie, erst wenn man ein bisschen raus fährt. Die Sonne kämpft hier Tag für Tag mit einem Phänomen, das sich „Hochnebel“ schimpft und wohl mit einer Smog-Glocke verglichen werden kann. Wenn es ganz schlimm ist, hat man das Gefühl man würde sich in permanentem November-Wetter befinden. Aber es reicht ja, wenn der Schnee in den Skigebieten rundum liegt und die Sonne schafft es jetzt auch immer öfter, mal durchzublinzeln. Da kann man dann auch mal Spaziergänge durch die Stadt genießen, am See entlang zu wandern, im Lindt-Lagerverkauf vorbeischauen oder heisse Schoggi geniessen....
ETH vs. TUM
Während die TU München vorzugsweise Ideenpapiere mit dem Anhängsel „–TUM“ beehrt – man denke nur an ExcellenTUM, InnovaTUM etc. - ist an der ETH alles „Poly-“. Aber das frühere Polytechnikum benennt nicht etwa Visionen für eine Elite-Universität mit diesem Kürzel, sondern Einrichtungen am Campus. So verbindet die fast schon historisch anmutende Standseilbahn namens „Polybahn“ den Verkehrknotenpunkt Central mit der „Polyterasse“ – von der man einen gigantischen Blick über die Stadt hat. Im „Polysnack“ wird man mit Kaffee und Gebäck versorgt, in der „Polybuchhandlung“ kann man sich alle möglichen Lehrbücher besorgen. Auf dem „Polyball“ (ähnlich unserem Ball am Tag der Fakultät, nur ETH-weit) kann man die ganze Nacht in 18 dekorierten Sälen mit 10 Bands, unzähligen Cocktailbars und über 10000 Gästen feiern. Auch die ETH ist auf drei Standorte verteilt – das Stammgelände, Hönggerberg und die Uni Irchel. Die verkehrstechnische Anbindung ist allerdings besser gelöst und der Studentenausweis ist nicht nur Bibliothekskarte und Zutrittsberechtigung für Labore (für Chemie-Studenten zum Beispiel), sondern auch Fahrausweis zwischen den Standorten.
Das Hauptgebäude der ETH
Die Mensa gleicht mehr der Kantine eines großen Betriebes: Gutes Essen in ausreichenden Portionen auf richtigen Tellern. Findet man mal doch nichts bei den Tagesgerichten, gibt es immer eine Salatbar und zusätzlich gibt es noch ein paar kleinere Mensen auf dem Stammgelände, die immer ähnliche Gericht haben: In der Clausiusbar gibt’s immer asiatische Menüs oder im Studentenzentrum (StuZ) Pasta und Steam Baskets. Ein Ausflugsrestaurant würde für den Ausblick der Hauptmensa, die direkt unter der Polyterrasse liegt und eine traumhafte Aussicht über Zürich bietet, glatt die Preise verdoppeln, aber im Vergleich zum Rest sind die Mensen auch hier günstiger.
Die TU hat knappe 20.000 Studenten, an der ETH sind es etwa 12.000. Trotzdem kann man sich hier einiges vom „kleineren Bruder“ abschauen. Während ich an der TUM für meine Immatrikulation Stunden angestanden bin, war hier innerhalb von 20 Minuten alles erledigt. Davon bin ich circa zehn Minuten angestanden und habe dann innerhalb von zehn Minuten alle Formalitäten erledigt und auch noch den Studentenausweis in Form einer schicken Karte erhalten. Kein Wunder, denn die Immatrikulation ist auf drei Wochen verteilt und man kann von morgens bis Abends kommen, wann man möchte. Egal ob Immatrikulation, Studentenservice, Wohnungsbörse, Information etc. in Sachen Dienstleistungen seitens der ETH kann man sich überhaupt nicht beschweren.
Nichts geht über Lehre!
Viel wichtiger und beeindruckender finde ich aber den Umgang mit der Lehre, die an der ETH extrem groß geschrieben wird. Die Einstellung der Professoren ihren Studenten gegenüber ist viel positiver. Man hat das Gefühl, ernst genommen zu werden und nicht nur ein lästiges Anhängsel zur Forschung zu sein. Nachdem ich mit meiner Semesterarbeit gut beschäftigt bin und auch zudem eigentlich keine Prüfungen mehr brauche, höre ich hier nur drei Fächer. Alle sind mehr oder weniger fremd für einen Maschinenbauer, aber es schadet bekanntlich nicht auch mal den Horizont zu erweitern. „Logistics, Operations and Supply Chain Management“ (noch das naheliegenste), „Ökonomie“ und „Vortrags- und Diskussionstechnik“ sind alles Spitzenvorlesungen, wobei ich letztere für ein absolutes Muss halte, wenn man mal an der ETH war oder noch hingehen möchte.
In Ökonomie schafft es die Professorin sogar Gruppenübungen in eine 300-Hörer-Vorlesung zu integrieren. Das klingt wahnsinnig, funktioniert aber erstaunlich gut. Die Vorlesung selbst wird noch dazu von zwei Beobachtern des Didaktik-Zentrums verfolgt, weil sie an der Qualität ihrer Veranstaltung arbeiten möchte. Deshalb kommen auch Video-Aufnahmen zum Einsatz, damit ihre Didaktik analysiert und verbessert werden kann. Zusätzlich kann man in der elektronischen Lernumgebung mit Simulationen spielen, alles ist noch mal ausführlich erklärt und in kleinen Tests ausprobieren, ob man den Stoff verstanden hat. Noch Fragen?!?
Mein Dozent für Vortrags- und Diskussionstechnik ist der Ansicht, es sei „eine merkwürdige Vorstellung von einigen Professoren, stolz darauf zu sein, wenn der Notendurchschnitt ihrer Prüfungen unter 4,0 liegt. Das wäre vergleichbar mit Ärzten, die stolz sind auf eine Behandlungsquote sind, wo die Todesfolge über 50% beträgt. Irgendwie hab ich ein Problem mit den Vorstellungen mancher Vertreter meiner Berufsgruppe.“ Seine Vorlesung geht auch über die Thematik der Rhetorik deutlich hinaus, von dem Typen kann man was fürs Leben lernen. Später würden Firmen viel Geld zahlen, dieses Wissen in Seminaren vermittelt zu bekommen und hier hat man’s fast umsonst.
Praxisnahe, tagesaktuelle Beispiele verdeutlichen den Stoff – in „Logistik“ wird ein Nachmittag vor Beginn der Vorlesung dafür verwendet, mit Hilfe einer Art Rollenspiel erstmal die Probleme und Anforderungen an die Logistik kennen zu lernen. Dieses Spiel wird sicher für viel Geld in diversen Firmenseminaren weiterverkauft werden. Es ist der Wahnsinn, was sich hier Professoren und Assistenten für Mühe mit den Vorlesungen machen. Den Aufwand, der hier in die Lehre gesteckt wird, sehe ich aber nicht nur als Ergebnis der Studiengebühren, sondern vor allem als Ergebnis der Grundeinstellung gegenüber Lehre und Studenten. Als normaler Student bezahlt man hier übrigens 580 Franken pro Semester, was etwa 390 Euro entspricht. Gaststudenten sind davon befreit und zahlen nur 30 Franken pro belegter Semesterwochenstunde (maximal aber 580 CHF), für Erasmus-Studenten ist es gratis. Das ist für Schweizer Verhältnisse nicht teuer und auch nicht wirklich mit 390 Euro zu vergleichen, sondern eher mit 30 HiWi-Stunden pro Semester, was an der TU dann etwa 220 Euro entspräche!
Ist die ETH nun die bessere Uni?
Nein, so kann man das nicht sagen. Wir können viel von der ETH lernen und diese auch noch einiges von uns. So war an der ETH die Anmeldungen für die Prüfungen Mitte November und bis Ende Januar wusste ich noch keinen Prüfungstermin. Die Termine für die Prüfungen werden zentral koordiniert, so dass kein Student zwei Prüfungen an einem Tag hat (haben sollte). Das gibt ein heilloses Chrüsimüsi (Durcheinander) und funktioniert nicht wirklich gut. Ich hatte Glück mit guten Abständen zwischen meinen Prüfungen, aber ich kenne jemand, der in einer Woche sieben Prüfungen hat. Da ist es mir schon lieber, ich weiß die Prüfungstermine bei der Anmeldung und entscheide selbst, wann ich was schreibe und wie viel Zeit zwischen meinen Prüfungen liegt.
An der TU ist es selbstverständlicher, dass man als HiWi oder bei Semesterarbeiten auch Verantwortung übertragen bekommt und dann auch entsprechend mehr dabei lernt. Mein Betreuer hier kommt aus Aachen und sieht das glücklicherweise ähnlich. Ich habe das Gefühl, die TU-Studenten arbeiten dadurch selbstständiger und aus mehr Eigenantrieb heraus. Woran das genau liegt, kann ich nicht sagen, aber bei uns Maschinenbauern könnte es durchaus daran liegen, dass wir mit unserem Modul-System zwar die Qual der Wahl haben, uns dafür aber umso mehr Gedanken machen müssen, warum wir was studieren wollen. An der ETH ist das Ganze etwas geführter und mehr vorgeschrieben.
Was mir hier aber wirklich gut gefällt, ist das Selbstverständnis der Eidgenossen. Zwar wird die ETH von anderen gerne zu den besten Universitäten zu gezählt, aber das hört man hier nicht. Vielmehr versteht sich die ETH als „ gute Hochschule, die noch besser werden möchte.“ Diese Schweizer Bescheidenheit würde ich an der TU manchmal auch nicht schlecht finden und vom Stellenwert der Lehre bzw. von der Einstellung gegenüber Studenten kann sich unsere Uni auch noch einiges abschauen.
Trotzdem bereue ich nicht, an der TU zu studieren und würde wieder in München beginnen, denn für mich ist das die richtige Ausbildung. Aber ich nehme die Eindrücke an der ETH gerne als Bereicherung mit, denn eine andere Sichtweise kennen zu lernen ist spannend und schafft überhaupt erst einmal die Basis für den Vergleich. Ich kann Euch nur empfehlen, auch einmal ein Semester andere Hochschulluft zu schnuppern und für euch persönlich zu vergleichen. Reisende soll man nicht aufhalten...
PolyTUM?!
Ein Semester bei den Eidgenossen
Vor knapp einem Jahr habe ich mich dazu entschlossen habe, meine zweite Semesterarbeit an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich zu schreiben und dann gleich noch ein Auslandssemester in der Schweiz zu absolvieren. Für den Begriff Auslandssemester wurde ich von einigen meiner Kommilitonen belächelt. Man glaubt die Schweiz zu kennen. Viele waren schon da, haben Käsefondue probiert und halten Schwyzerdütsch für einen Dialekt, den sie bloß nicht verstehen. Aber es ist vieles anders, als man denkt...

Die Schweiz ist Ausland!
Die Eidgenossen kann man wahrlich nicht als das 17. Bundesland von Deutschland sehen, genauso wenig wie Deutschland ein Schweizer Kanton ist. Hochdeutsch kostet den Schweizer deshalb Mühe, weil es für ihn fast eine Fremdsprache ist. Schwyzerdütsch und Deutsch haben einzig die gleiche Grammatik, ansonsten aber so viel gemeinsam wie Bayrisch mit Plattdeutsch. Es hilft nichts, man muss es einfach lernen und nach einiger Zeit versteht man schon ziemlich viel. Mit dem Sprechen sieht das allerdings anders aus. Schweizer empfinden es auch nicht als schmeichelhaft, wenn man versucht Schwyzerdütsch zu reden oder gar den Kardinalsfehler macht, überall ein „-li“ anzuhängen. Da auch der Schweizer kein Bayrisch versteht (genauso wenig eben wie man selbst von Anfang an Schwyzerdütsch versteht), bleibt man am besten bei einem bayrisch eingefärbtem Hochdeutsch und streut höchstens ein paar Schweizer Ausdrücke ein: Grüezi (Grüß Gott), Ade / Auf Wiedaluaga / Schöns Tägli (alles zur Verabschiedung), Merci (sprich: Määrsi!, Danke) oder Stutz (Franken). Wer es trotzdem ernsthaft lernen möchte, empfehle ich einen Kurs in der Migros Klubschule, die mit der deutschen VHS vergleichbar ist. Ein Kurs dauert etwa ein halbes Jahr und kostet allerdings 700 Franken (450 Euro).
Der Schweizer
Der Schweizer an sich hat auch seine Eigenheiten. Solltet ihr auch mal planen, in die Schweiz zu gehen, kann ich euch nur das Buch „Gebrauchsanweisung für die Schweiz“ empfehlen. Das bewahrt vor einigen Fettnäpfchen. Als erstes muss man sich vor Augen halten, dass Deutsche nicht das allerbeste Ansehen unter Schweizern genießen. Grundsätzlich ist der Deutsche erstmal arrogant, unhöflich, redet viel zu schnell und glaubt, er sei der Allerbeste. Eine Schweizerin aus meinem Wohnheim hat es mal so formuliert: „So wie der Schröder die Merkel in diesem Interview nach der Wahl runter gemacht hat, genau das entspricht dem Klischee des typischen Deutschen.“ Wenn man sich als Bayer ausgibt, steigt das Ansehen schon deutlich und wenn man ihnen dann noch die Bedeutung der Wörter „Preiß“ und „Saupreiß“ beigebracht hat, ist man schon fast akzeptiert. Das allerdings bedeutet noch nicht viel, denn die Schweizer sind ein sehr zurückhaltendes Volk. Man schafft es hier ohne Probleme ein Wochenende zu verbringen ohne mit irgendjemand ernsthaft zu reden. Wenn man von einem Schweizer gefragt wird, ob man Abends mal ein Bier trinken geht, sollte man unbedingt annehmen – auch wenn man heute Abend eigentlich keine Lust hat und lieber nur vorm Fernseher liegen würde. So eine Einladung hat Anfangs Seltenheitswert und kommt dann so schnell nicht wieder. Schweizer sind zurückhaltender, etwas distanzierter – aber immer ausgesprochen freundlich, hilfsbereit und höflich. Gut, dass es auch in Zürich eine Menge Erasmus-Studenten gibt, die sich jeden Dienstag zum Stammtisch treffen und auch alle zwei Wochen eine Art Wohnheimsparty feiern. Da findet man schneller Anschluss, schließlich machen auch alle Schweden, Finnen, Amerikaner etc. dieselbe Erfahrung mit den Schweizern.
Schweizer Lebensqualität
Hat man erstmal Anschluss gefunden, lässt sich das Leben hier schon ziemlich gut aushalten. Für das Prädikat „hervorragend“ fehlt leider noch, dass es hier Augustiner gibt, aber das lässt sich importieren. Nach langem Durchprobieren hab ich auch heimische Biermarken gefunden, die ganz annehmbar sind. Leider waren bei diesem Selbstversuch auch einige dabei, die man sich besser sparen hätte sollen. Wenn ihr nicht gerade bei einem Schweizer zu Hause eingeladen seit (die höchste Ehre übrigens) und er euch ein „Feldschlösschen“ anbietet, macht einen großen Bogen um dieses Bier.
In den Lebensmittel-Supermärkten fühlt man sich ein bisschen wie im Schlaraffenland. Discounter hätten es in der Schweiz schwer, weil die Leute hier wirklich auf Qualität und Service achten und dafür auch gerne a bizzili mehr zahlen. Und die heiße Schoggi ist etwas, dass ich schrecklich vermissen werde. Gerade beim Skifahren auf der Hütte mit Blick auf das Alpenpanorma ist dieses Nationalgetränk schon extrem geil. Von Zürich aus kann man übrigens ziemlich einfach mit der Bahn in die umliegenden Skigebiete reisen und das ist sogar noch vergleichsweise günstig.

Zürich
Die Stadt an der Limmat ist mit ihren knapp 370 000 Einwohnern die größte Stadt der Schweiz. Obwohl das für deutsche Verhältnisse nach keiner Metropole klingt, bietet Zürich die Vorteile einer Großstadt gepaart mit denen einer mittelgroßen Stadt auf dem Land. So gibt es in der schönen Innenstadt genügend Bars, Kneipen und Geschäfte, ein multikulturelles Leben pulsiert in den Straßen und trotzdem ist man ganz schnell in der freien Natur. Eigentlich kann man auch ziemlich viel zu Fuß erledigen, was ganz praktisch ist, wenn nach dem Weggehen mal keine Tram mehr fährt.
Solltet Ihr allerdings glauben, dass im Winter mindestens ein Meter Schnee liegt und den ganzen Tag die Sonne scheint, so muss ich euch diese Illusion leider nehmen. Schnee liegt hier so gut wie nie, erst wenn man ein bisschen raus fährt. Die Sonne kämpft hier Tag für Tag mit einem Phänomen, das sich „Hochnebel“ schimpft und wohl mit einer Smog-Glocke verglichen werden kann. Wenn es ganz schlimm ist, hat man das Gefühl man würde sich in permanentem November-Wetter befinden. Aber es reicht ja, wenn der Schnee in den Skigebieten rundum liegt und die Sonne schafft es jetzt auch immer öfter, mal durchzublinzeln. Da kann man dann auch mal Spaziergänge durch die Stadt genießen, am See entlang zu wandern, im Lindt-Lagerverkauf vorbeischauen oder heisse Schoggi geniessen....
ETH vs. TUM
Während die TU München vorzugsweise Ideenpapiere mit dem Anhängsel „–TUM“ beehrt – man denke nur an ExcellenTUM, InnovaTUM etc. - ist an der ETH alles „Poly-“. Aber das frühere Polytechnikum benennt nicht etwa Visionen für eine Elite-Universität mit diesem Kürzel, sondern Einrichtungen am Campus. So verbindet die fast schon historisch anmutende Standseilbahn namens „Polybahn“ den Verkehrknotenpunkt Central mit der „Polyterasse“ – von der man einen gigantischen Blick über die Stadt hat. Im „Polysnack“ wird man mit Kaffee und Gebäck versorgt, in der „Polybuchhandlung“ kann man sich alle möglichen Lehrbücher besorgen. Auf dem „Polyball“ (ähnlich unserem Ball am Tag der Fakultät, nur ETH-weit) kann man die ganze Nacht in 18 dekorierten Sälen mit 10 Bands, unzähligen Cocktailbars und über 10000 Gästen feiern. Auch die ETH ist auf drei Standorte verteilt – das Stammgelände, Hönggerberg und die Uni Irchel. Die verkehrstechnische Anbindung ist allerdings besser gelöst und der Studentenausweis ist nicht nur Bibliothekskarte und Zutrittsberechtigung für Labore (für Chemie-Studenten zum Beispiel), sondern auch Fahrausweis zwischen den Standorten.

Die Mensa gleicht mehr der Kantine eines großen Betriebes: Gutes Essen in ausreichenden Portionen auf richtigen Tellern. Findet man mal doch nichts bei den Tagesgerichten, gibt es immer eine Salatbar und zusätzlich gibt es noch ein paar kleinere Mensen auf dem Stammgelände, die immer ähnliche Gericht haben: In der Clausiusbar gibt’s immer asiatische Menüs oder im Studentenzentrum (StuZ) Pasta und Steam Baskets. Ein Ausflugsrestaurant würde für den Ausblick der Hauptmensa, die direkt unter der Polyterrasse liegt und eine traumhafte Aussicht über Zürich bietet, glatt die Preise verdoppeln, aber im Vergleich zum Rest sind die Mensen auch hier günstiger.
Die TU hat knappe 20.000 Studenten, an der ETH sind es etwa 12.000. Trotzdem kann man sich hier einiges vom „kleineren Bruder“ abschauen. Während ich an der TUM für meine Immatrikulation Stunden angestanden bin, war hier innerhalb von 20 Minuten alles erledigt. Davon bin ich circa zehn Minuten angestanden und habe dann innerhalb von zehn Minuten alle Formalitäten erledigt und auch noch den Studentenausweis in Form einer schicken Karte erhalten. Kein Wunder, denn die Immatrikulation ist auf drei Wochen verteilt und man kann von morgens bis Abends kommen, wann man möchte. Egal ob Immatrikulation, Studentenservice, Wohnungsbörse, Information etc. in Sachen Dienstleistungen seitens der ETH kann man sich überhaupt nicht beschweren.
Nichts geht über Lehre!
Viel wichtiger und beeindruckender finde ich aber den Umgang mit der Lehre, die an der ETH extrem groß geschrieben wird. Die Einstellung der Professoren ihren Studenten gegenüber ist viel positiver. Man hat das Gefühl, ernst genommen zu werden und nicht nur ein lästiges Anhängsel zur Forschung zu sein. Nachdem ich mit meiner Semesterarbeit gut beschäftigt bin und auch zudem eigentlich keine Prüfungen mehr brauche, höre ich hier nur drei Fächer. Alle sind mehr oder weniger fremd für einen Maschinenbauer, aber es schadet bekanntlich nicht auch mal den Horizont zu erweitern. „Logistics, Operations and Supply Chain Management“ (noch das naheliegenste), „Ökonomie“ und „Vortrags- und Diskussionstechnik“ sind alles Spitzenvorlesungen, wobei ich letztere für ein absolutes Muss halte, wenn man mal an der ETH war oder noch hingehen möchte.
In Ökonomie schafft es die Professorin sogar Gruppenübungen in eine 300-Hörer-Vorlesung zu integrieren. Das klingt wahnsinnig, funktioniert aber erstaunlich gut. Die Vorlesung selbst wird noch dazu von zwei Beobachtern des Didaktik-Zentrums verfolgt, weil sie an der Qualität ihrer Veranstaltung arbeiten möchte. Deshalb kommen auch Video-Aufnahmen zum Einsatz, damit ihre Didaktik analysiert und verbessert werden kann. Zusätzlich kann man in der elektronischen Lernumgebung mit Simulationen spielen, alles ist noch mal ausführlich erklärt und in kleinen Tests ausprobieren, ob man den Stoff verstanden hat. Noch Fragen?!?
Mein Dozent für Vortrags- und Diskussionstechnik ist der Ansicht, es sei „eine merkwürdige Vorstellung von einigen Professoren, stolz darauf zu sein, wenn der Notendurchschnitt ihrer Prüfungen unter 4,0 liegt. Das wäre vergleichbar mit Ärzten, die stolz sind auf eine Behandlungsquote sind, wo die Todesfolge über 50% beträgt. Irgendwie hab ich ein Problem mit den Vorstellungen mancher Vertreter meiner Berufsgruppe.“ Seine Vorlesung geht auch über die Thematik der Rhetorik deutlich hinaus, von dem Typen kann man was fürs Leben lernen. Später würden Firmen viel Geld zahlen, dieses Wissen in Seminaren vermittelt zu bekommen und hier hat man’s fast umsonst.
Praxisnahe, tagesaktuelle Beispiele verdeutlichen den Stoff – in „Logistik“ wird ein Nachmittag vor Beginn der Vorlesung dafür verwendet, mit Hilfe einer Art Rollenspiel erstmal die Probleme und Anforderungen an die Logistik kennen zu lernen. Dieses Spiel wird sicher für viel Geld in diversen Firmenseminaren weiterverkauft werden. Es ist der Wahnsinn, was sich hier Professoren und Assistenten für Mühe mit den Vorlesungen machen. Den Aufwand, der hier in die Lehre gesteckt wird, sehe ich aber nicht nur als Ergebnis der Studiengebühren, sondern vor allem als Ergebnis der Grundeinstellung gegenüber Lehre und Studenten. Als normaler Student bezahlt man hier übrigens 580 Franken pro Semester, was etwa 390 Euro entspricht. Gaststudenten sind davon befreit und zahlen nur 30 Franken pro belegter Semesterwochenstunde (maximal aber 580 CHF), für Erasmus-Studenten ist es gratis. Das ist für Schweizer Verhältnisse nicht teuer und auch nicht wirklich mit 390 Euro zu vergleichen, sondern eher mit 30 HiWi-Stunden pro Semester, was an der TU dann etwa 220 Euro entspräche!
Ist die ETH nun die bessere Uni?
Nein, so kann man das nicht sagen. Wir können viel von der ETH lernen und diese auch noch einiges von uns. So war an der ETH die Anmeldungen für die Prüfungen Mitte November und bis Ende Januar wusste ich noch keinen Prüfungstermin. Die Termine für die Prüfungen werden zentral koordiniert, so dass kein Student zwei Prüfungen an einem Tag hat (haben sollte). Das gibt ein heilloses Chrüsimüsi (Durcheinander) und funktioniert nicht wirklich gut. Ich hatte Glück mit guten Abständen zwischen meinen Prüfungen, aber ich kenne jemand, der in einer Woche sieben Prüfungen hat. Da ist es mir schon lieber, ich weiß die Prüfungstermine bei der Anmeldung und entscheide selbst, wann ich was schreibe und wie viel Zeit zwischen meinen Prüfungen liegt.
An der TU ist es selbstverständlicher, dass man als HiWi oder bei Semesterarbeiten auch Verantwortung übertragen bekommt und dann auch entsprechend mehr dabei lernt. Mein Betreuer hier kommt aus Aachen und sieht das glücklicherweise ähnlich. Ich habe das Gefühl, die TU-Studenten arbeiten dadurch selbstständiger und aus mehr Eigenantrieb heraus. Woran das genau liegt, kann ich nicht sagen, aber bei uns Maschinenbauern könnte es durchaus daran liegen, dass wir mit unserem Modul-System zwar die Qual der Wahl haben, uns dafür aber umso mehr Gedanken machen müssen, warum wir was studieren wollen. An der ETH ist das Ganze etwas geführter und mehr vorgeschrieben.
Was mir hier aber wirklich gut gefällt, ist das Selbstverständnis der Eidgenossen. Zwar wird die ETH von anderen gerne zu den besten Universitäten zu gezählt, aber das hört man hier nicht. Vielmehr versteht sich die ETH als „ gute Hochschule, die noch besser werden möchte.“ Diese Schweizer Bescheidenheit würde ich an der TU manchmal auch nicht schlecht finden und vom Stellenwert der Lehre bzw. von der Einstellung gegenüber Studenten kann sich unsere Uni auch noch einiges abschauen.
Trotzdem bereue ich nicht, an der TU zu studieren und würde wieder in München beginnen, denn für mich ist das die richtige Ausbildung. Aber ich nehme die Eindrücke an der ETH gerne als Bereicherung mit, denn eine andere Sichtweise kennen zu lernen ist spannend und schafft überhaupt erst einmal die Basis für den Vergleich. Ich kann Euch nur empfehlen, auch einmal ein Semester andere Hochschulluft zu schnuppern und für euch persönlich zu vergleichen. Reisende soll man nicht aufhalten...
3 Comments:
hihi, da hat der urban sicher sooo viele mails bekommen, das claudia wieder den post rausnehmen musste. kann das? grüß ihn trotzdem nochmal von mir.
ich find den artikel gut. na, wahrscheinlich weil ich auch genau da war?!
wollte mal wissen, wie viel stress du hast. kann nicht so schlimm sein, wenn du noch sooo viel schreiben kannst.
alles liebe, anna
Hey! Schön, dass da jemand mit liest - auch wenn's so ellenlange Artikel sind. ;)
Im Moment hab ich arg viel Streß, weil ich vor meinem Skiurlaub nächste Woche noch ganz viel fertig bringen muss. Aber dann nicht mehr...
Ganz liebe Grüße,
Claudia
Doch, hab's auch gelesen!!! Werd mir mal ein Beispiel nehmen müssen, denn auf meinem die KIWI-SITE ist leider noch Ebbe was Beiträge angeht, aber das ändert sich!
Bussal, Lisabeth
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